Schottland 2013 – 11. Tag – Lossiemouth und Glen Grant

Der Tag fing nicht schlecht an, auf dem schäbigsten Campingplatz unserer Reise. Das klingt komisch, ist aber logisch: Die Sonne schien, der Himmel war blau und wir hatten die Möglichkeit diesen verdammten Ort zu verlassen. Also schnell das Zelt eingepackt, alles im Clio verstaut und dann gedacht: „Let’s floor the car and get out of here!“. Frühstücken können wir später – irgendwo, wo es schöner ist als hier.

Mit Freude drehe ich den Zündschlüssel um – und es passiert: Nichts! Also jetzt nicht im engeren Sinne „nichts“: Der Anlasser kurbelt fröhlich den Motor, aber es zündet nichts. Ich probiere es noch mal. Und dann noch einmal. Und – obwohl es jeder Sinnhaftigkeit entbehrt nach einer kurzen Wartezeit noch einmal. Dabei ist klar: Das hier ist nicht eine schlappe Batterie wie 2010 in der Bretagne. Dies ist ein ganz anderes Problem. Und ich habe keinen Plan, um was es sich handeln könnte!

Hinter dem Schild „Drive left“ auf meinem Lenkrad blinkt ein Tannenbaum. Die MIL – das Lämpchen mit dem Zeichen für Elektronik und einer Glühwendel drauf – leuchtet und informiert mich, das eine Motorstörung vorliegt. Nein, wirklich? Hätte ich jetzt fast nicht gemerkt. Danke für den Hinweis. Ich beginne mein Auto nicht mehr zu mögen. Das ist untertrieben. In meinem Kopf schießen mir alle französischen Fluchwörter durch den Kopf, die ich kenne. Es sind nicht viele, aber sie sind erprobt. Es ist ein französisches „Véhicule de merde“. Ich finde, ein jedes Auto hat ein Anrecht darauf, standesgemäß bei Fehlfunktion in seiner Landessprache beschimpft zu werden. „Salaud bleu“ – ich pflege diesen Brauch nun schon seit Jahren. Helfen tut es aber nicht.

Abgeschleppt wurde das Auto schon – jedes mal wenn die Bremse innerhalb der Bremstrommel auseinander viel. Das tun sie bei Clios aus diesen Jahren gern. Fast jedes mal bezahlte Renault den Abschleppwagen und die neue Bremse. Nett von Ihnen, die haben offensichtlich in Brühl ein schlechtes Gewissen. Und womit? Mit Recht!

Vor dieser Reise hatte ich den Wagen in die Wartung gegeben. Mein Lieblingsmeister in meiner Lieblingswerkstatt hatte mich angerufen: Er hatte eine gute und eine schlechte Nachricht: Radlager und Trommel waren gut auseinander gekommen, alles war in Ordnung. Die schlechte Nachricht hieß: Es hatte sich der Bremsbelag mal wieder abgelöst und es mussten neue her. Dabei war es gar keine schlechte Nachricht, dachte ich mir: Besser mit neuen Bremsen nach Schottland, wenn sich sonst vielleicht in Durness die Bremse verklemmt und es keinen Meter mehr nach vorn geht. Und keinen nach hinten. Und überhaupt gar nirgends mehr hin. Auf neuen Reifen ging es nach Schottland und meiner Frau hatte mein Lieblingsmeister noch beruhigen gesagt:

„Machen sie sich keine Sorgen, der Wagen macht Ihnen keine Probleme“

Ich glaube sogar er hat das selbst geglaubt. Die Bremse machte keine Probleme. Aber wer zum Teufel braucht eine Bremse, wenn der Motor nicht läuft? Er hat uns noch nie im Stich gelassen. 250.000 km lang ist er immer angesprungen, wenn die Batterie in Ordnung war. Ja, die drei mal waren wohl meine Schuld. Und ich habe dafür gebüßt: In der Bretagne die Polizisten aus der Frühstückspause überredet mir Starthilfe zu geben. Und hatte dann in Belgien am Sonntagabend nach Mitternacht auf der Rückreise den vollgeladenen Wagen auf dem ausgestorbenen Parkplatz eines Einkaufszentrums angeschoben.

Jetzt stehen wir hier in Lossiemouth. Lossiemouth of all Places! Französisches Fluchen hilft nicht, deutsches auch nicht. Nerven verlieren bringt gar nichts, die brauche ich noch: Ich gehe die Optionen durch, die wir haben, baue mir im Kopf ein Modell mit möglichen Fehlern und Auswirkungen zusammen und versuche mit meinen wenigen Mitteln Zweige aus meinem Fehlerbaum im Kopf abzuhaken. Vielleicht war mein Ingenieursstudium doch mal zu etwas gut: Strukturiertes arbeiten – sonst nicht so meine Stärke.

Fehlermöglichkeiten: Batterie? Licht geht, Anlasser dreht kräftig. Batterie kann es nicht sein. Wegfahrsperre? Die LED geht aus, Schlüssel erkannt. Nein, dass hatten wir vor der Reise nach Cornwall, diesmal ist es nicht die Wegfahrsperre und auch nicht das Relais der Motorsteuerung. Anlasser? Nein, der dreht kräftig.  Mechanischer Schaden im Motor? Nein, er dreht sich ja. Diesel? Nein, die Anzeige steht noch im guten Bereich und in den Schläuchen im Motorraum steht der goldgelbe Saft. Bleibt der Kupferwurm: Elektronik, Kabel, Stecker, Relais, Sensoren, Aktuatoren. Na toll.

Wir erörtern unsere Möglichkeiten: Einschleppen lassen, Reparaturversuch in Schottland, wenn Teile innerhalb weniger Tage verfügbar sind und die Reparatur wirtschaftlich noch darstellbar ist. Wenn es ein richtiger Motorschaden ist? Weiter mit einem Mietwagen und dann das Gepäck im Fahrzeug positionieren und nach Hause fliegen? Oder vielleicht schnellstmöglich nach Hause fliegen und die Urlaubszeit nutzen, um mit einem Zugwagen und Trailer über Calais und Dover wieder her zu kommen und den immobilen Blechhaufen von der Insel zu ziehen? Eines steht fest: Heute ist Sonntag, und somit läuft heute erst einmal überhaupt nichts.

Neben meiner gelben, leuchtenden Lampe blinkt eine rote. Ich habe ja allerhand schon an meinem Auto gesehen, aber das noch nicht. Vielleicht ist das eine Spur. Fragen wir das Bordbuch. Es sagt genau soviel, wie ein eingebildeter französischer Kellner in Paris, wenn man Ihn auf englisch fragt, warum die rote Lampe blinkt: Nichts.

Nächste Idee: Fragen wir die, die sich damit auskennen! Ich rufe bei der Renault Assistance an. „Sie sind wo? In Schottland!?“. Ja, die Assistance gilt europaweit, bin ich der erste, der mit seinem Renault nach Schottland fährt? Bin ich vielleicht zu wagemutig und die öffentliche Übereinkunft ist, dass man mit französischen Kleinwagen lieber keine langen Reisen unternimmt – nur ich habe davon wieder nichts mitbekommen?

Über die Lampen und das Blinken wissen sie nichts, haben auch keine Dokumentation – ich könnte ins Bordbuch schauen (tolle Idee, die hatte ich auch schon) und ansonsten sind sie in Wirklichkeit ja von der AXA, das ist eine Versicherung und sie können veranlassen dass wir eingeschleppt werden. Dafür wollen sie die Kollegen in London anrufen. Das sollen sie machen, was sollen wir sonst tun?

London calling! Nach etwa einer Stunde klingelt mein Telefon. London ist dran. London ist weit weg und ein wenig schwer zu verstehen, aber es klappt. Na klar, es ist Sonntag – das hatte ich schon fast vergessen. Morgen früh könnte man uns abholen. Ob wir denn eine Möglichkeit hätten irgendwo zu übernachten? Nun ja, ich stehe auf einem Campingplatz – wenn auch einem ziemlich schäbigen. Die Sonne scheint und ich habe ein Zelt und einen Kocher im Auto. Es hätte schlimmer kommen können. London ruft morgen früh also noch mal an.

Was tun wir jetzt den Rest des Tages? Ich habe keine Lust mich mit meinem Schicksal abzugeben und hier noch einmal zu übernachten. Also gehe ich zur Rezeption, erkläre denen mein Problem, das morgen ein Abschleppwagen kommt, buche – schweren Herzens – noch eine Nacht und frage nebenbei, ob mir jemand ein Multimeter leihen könnte. „Was für ein Ding?“ Ein Messgerät. Hat ja eigentlich jeder, der mal bastelt. Nein, sowas haben sie nicht. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie schon vorher wussten, was ich suche. Bestimmt gibt es hier eines, gibt ja überall Strom. Ob sie vielleicht wissen, wer eines haben könnte? Nein, so etwas hat hier bestimmt keiner. Danke, einen schönen Tag noch. Hier fühle ich mich willkommen. Vielleicht ist das auch reiner Selbstschutz, bei der Kundschaft lernt man vielleicht schnell, dass man besser nichts verleiht. Das erste mal auf dieser Reise sind mir Schotten einmal unsympathisch. Das wird mir erst hier klar: Bisher habe ich noch keinen unsympathischen Schotten getroffen. Zugegebenermaßen haben wir insgesamt nicht viele getroffen – aber wenn, dann waren das nette, freundliche Menschen!

Zurück am Auto fällt mir ein: Ich habe ein Bluetooth-Interface für die Diagnose-Schnittstelle dabei! Klar, warum bin ich da noch nicht drauf gekommen? Mit der App im Mobiltelefon frage ich mal schnell meinen Motor, wie es Ihm geht! Euphorisch gehe ich ans Werk und stelle ernüchtert  fest: OBD-2 sagt, es gibt keinen Fehler im Motorsteuergerät! Klar, das habe ich ja gemerkt. War aber einen Versuch wert.

Über Mittag und den frühen Nachmittag mache ich mich über die Elektrik her: Baue Relais aus, schau mir die Kontakte an und prüfe mit einem Stück Kabel ob sie schalten. Der Clio hat ganz schön viele Relais! Ich baue Verkleidungen vom Motor ab und folge Kabelbäumen durch den Motorraum. Ich suche alle Sensoren, die ich kenne und nehme dabei alle Steckverbindungen auseinander. Der Clio hat auch davon ganz schön viele.

Am frühen Nachmittag finde neben einem gigantisch großen Wespentier dann noch etwas, das meine  Aufmerksamkeit auf sich zieht: Einen korrodierten Kontakt zum Druck-Sensor der Einspritzleitung.  Das könnte es sein: Schnell den Kontakt wieder so gut es geht glänzend gemacht und alles passend zusammengesteckt. Ichmuss nur etwas wertvolle Energie in der Batterie – es ist immer noch die von 2010 nach der Tour in die Bretagne – zum Starten opfern: Der Anlasser dreht, die erste Zündung ist da und der Motor klingt wie er halt seit Jahren schon klingt: Nicht besonders hörenswert, aber arbeitsam!

Dieses Mörder-Vieh habe ich zwischen den Sicherungen im Motorraum gefunden. Wo gibt es so was und wie ist es in meinen Motorraum gekommen? Vielleicht damals, als wir in Dungeness den Leuchtturm neben dem Atomkraftwerk besichtigt haben? Oder als wir auf dem Campingplatz neben dem Centre Nucléaire de Penly übernachtet haben?

Dieses Mörder-Vieh habe ich zwischen den Sicherungen im Motorraum gefunden. Wo gibt es so was und wie ist es in meinen Motorraum gekommen? Vielleicht damals, als wir in Dungeness den Leuchtturm neben dem Atomkraftwerk besichtigt haben? Oder als wir auf dem Campingplatz neben dem Centre Nucléaire de Penly übernachtet haben?

Ich bekomme ein plötzliches Hochgefühl und möchte plötzlich laut in die Welt hineinrufen: „Ja, ja! Schaut her, es läuft wieder und mit nichts außer einem Stück Kabel, meinem Verstand und meinen Händen habe ich wieder zum laufen gebracht! Schaut mich an!“.

Da ich aber nicht so extrovertiert bin, entgleitet mir nur eines der beiden „Ja!“ – den Rest spare ich mir, da es doch irgendwie eingebildet oder affig wirken könnte. Und letztlich verstände es hier wohl so wie so keiner.

Ich entscheide: Den Motor mache ich jetzt nicht mehr aus, bis wir hier vom Platz sind! Und merke gleich wieder, wie blöd diese Idee ist. Die nächste Nacht ist so wie so schon bezahlt. Was, wenn er kein zweites mal angeht? Ich mache die Maschine aus und wieder an. Und noch mal: Springt an wie ein junger Spießbock und läuft, als wenn nie etwas gewesen wäre!  Es ist schon nach drei Uhr und obwohl der Wagen jetzt läuft, traue ich dem Braten nicht. Auch wenn die Versuchung groß ist wie mein Stolz: Ranault rufen wir erst einmal noch nicht an.

Kurze Beratung mit meiner Frau: Die hatte die Zeit bedächtig mit dem Lesen von Büchern im Auto verbracht, während ich um die französische Pannenmaschine getanzt bin. Wir sollten jetzt irgend etwas unternehmen, sonst ist der Tag abgeschrieben und wird als schlechtester Urlaubstag in die Analen unserer Urlaubsgeschichtsschreibung eingehen. Aber wo wollen wir hin?

Wir sind nördlich der Speyside, dem Land des Whisky. Deshalb sind wir hergekommen! Was ist also naheliegend? Glen Grant ist sprichwörtlich eine der am nächsten gelegenen Destillen, und somit zeitlich noch in erreichbarer Entfernung.

Der Clio rollt durch die Landschaft und in diesem Moment kann es nichts Erhebenderes geben. Wir treiben ihn recht flott zu Glen Grant und kommen unterwegs noch bei den Kollegen von Ben Riach vorbei.

Bei Ben Riach fahren wir nur vorbei, wir wollen schnell noch zu Glen Grant

Bei Ben Riach fahren wir nur vorbei, wir wollen schnell noch zu Glen Grant

Glen Grant hat ein ausgesprochen hübschen Parkplatz und auch die Destille selbst ist von Gärten umgeben. Das Visitor-Center ist eine hübsche Mischung aus altem Gebäude und moderner Einrichtung und stolz steht eine polierte Platte neben der Tür: Auch Prince Charles war schon hier.

Wir machen eine Führung, die ich etwas enttäuschend finde. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Destille gerade in Ihrem Wartungsmonat ist: Es wird gerade kein Whisky hergestellt! Zu erst geht es für einen Film über die Gründer in einen extra angelegten Raum. Der ist kitschig ausgestattet wie auch der Film: Für meinen Geschmack hat man hier arg übertrieben. Alles ist eine Spur zu reißerisch, glorifizierend und kitschig. Es wirkt ein wenig amerikanisch. Die Destille selbst ist recht modern. Da gerade nicht produziert wird, riecht es kaum nach Maische, der Brennraum ist kalt es ist überall leise. Lediglich in der ultra-modernen Abfüllanlage ist Leben. Aber die hat in etwa das Ambiente einer modernen Fahrzeug-Produktion. Alles ist hell, modern, technisch und vor allem – automatisch.

 

Es wird gerade nicht produziert: Hier ist keine Wärme, hier riecht es nicht nach Alkohol - There's no Spirit!

Es wird gerade nicht produziert: Hier ist keine Wärme, hier riecht es nicht nach Alkohol – There’s no Spirit!

Zum Ende der Führung gibt es dann noch eine Kostprobe zweier verschiedener Whiskys. Auch wenn es den gleichen Whisky in Deutschland günstiger gibt, so nehmen ich uns eine Flasche mit. Und sei es, um am Abend unsere Erinnerung an diesen Tag mit Alkohol zu bekämpfen!

Dazu kommt es dann  nicht mehr, denn das haben unsere Nachbarn für uns übernommen. Sturzbetrunken liegen sie  früh in Ihrem Zelt, das sie vorher hübsch mit bunten Knicklichtern behängt haben. Immerhin schlafen sie und sind daher friedlich. So bleiben uns peinliche Szenen wie damals in Bath erspart, als betrunkene Engländerinnen auf Helium-Ballons treffen! Bevor dieser emotionsreiche und fotoarme Tag zu einem Ende kommt, motiviert mich dieses Zelt dann doch noch mal meine Kamera herauszuholen und auszuprobieren, ob mit diesem kleinen Sensor und dem wenigen Licht überhaupt ein Bild machbar ist. Ein wenig erinnert es mich an die Vorweihnachtszeit in der Siedlung der englischen Soldaten in meinem Heimatort: Bunte, blinkende Lichter überall.

Hübsch bunt habt Ihr es hier, meine besoffenen Nachbarn!

Hübsch bunt habt Ihr es hier, meine besoffenen Nachbarn!Calling London!

Vorher aber rufe ich mit erhabenem Gefühl bei Renault in Deutschland an. Nach dem zweiten Satz werden ich empfangen mit: „Ihr seid die oben in Schottland?“. Wir sind also schon bekannt. Wir haben uns herumgesprochen.

Ja, das sind wir. Und wir brauchen Euren Abschleppwagen nicht mehr. Wir haben uns selbst geholfen und morgen sind wir wieder unterwegs! Wir sind wieder im Spiel!

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