Schottland 2013 – 2. Tag – Kingston upon Hull nach Dumfries

Die Nacht war ein wenig hart. Das lag nicht etwa am Seegang – sondern die klappbaren Pritschen selbst sind recht hart und dazu recht schmal. Seegang hätte nicht weiter gestört, denn der hätte schon sehr stark sein müssen, um einen aus den ausgelegenen Matratzen zu werfen! So kugelt man immer wieder in die mittige Senke zurück. Die Kabinen der P&O-Fähre sind ansonsten praktikabel eingerichtet. Soll heißen: Leicht sauber zu halten und funktional. Wer einmal mit der Color Line nach Oslo unterwegs war, wird den Komfort eher rustikal finden. Aber wir wollen ja nicht hier wohnen, sondern nur schnell über Nacht nach Schottland.

Immerhin ist die Dusche sauber und funktioniert wie sie soll – sie macht uns wieder halbwegs wach und fit für den Start in den Tag.  Der beginnt in der bordeigenen Kaffee-Bar bei einem Latte Macchiato während draußen langsam die ersten Industrieanlagen der Humber-Mündung vorbei ziehen.

Im nächsten Leben werde ich auch Schiffs-Festmacher

Im nächsten Leben werde ich auch Schiffs-Festmacher

Uns zieht es an Deck um das Anlegemanöver zu beobachten. Ich komme zum Schluss, dass mein nächster Job einmal Festmacher in Kingston sein wird. Wenn man häufiges schlechtes Wetter ignoriert, hat man offensichtlich alle Zeit der Welt und nicht mehr zu tun als einmal am Tag ein paar Leinen anzunehmen.

Als allererstes verlässt ein ein glänzender 7,5-Tonner das Schiff und hält noch auf der Rampe an. Na toll, wie soll denn der Rest der Ladung nun vom Schiff? Aber was aussieht wie ein edles und zu Groß geratenes Wohnmobil ist ein Pferdetransporter mit Wohnbereich für Mensch und Tier. Und der besorgte Fahrer schaut erst einmal nach, ob es dem Tier denn auch noch gut geht nach der Überfahrt. Ich gehe mal davon aus, dass der Zosse in etwa genau so viel geschlafen haben dürfte wie wir.

Zwischen Urlaubern, Lieferwagen und Wohngespannen geht die Einreise recht schnell und die A63 führt uns doppelspurig erst einmal durch Kingston-upon-Hull hindurch. Hull ist eine Hafenstadt und hatte Ihre Blütezeit wohl um die Jahrhundertwende. Die deutsche Wikipedia schreibt dazu:

„Die Stadt besaß bereits im Jahre 1902 ein eigenes Fernsprechsystem sowie Telefonzellen und war damit einzigartig im Vereinigten Königreich. Nachdem sie schwere Schäden während des Zweiten Weltkriegs erlitt, hatte sie mit einer Zeit des postindustriellen Abschwungs zu kämpfen, was sich ungünstig im sozialen Bereich, in den Bereichen Ausbildung und der Politik auswirkte.“

So sieht es dann dort auch aus. Obwohl in strahlenden Sonnenschein getaucht, bewegt uns nichts dazu, uns hier noch ein wenig umzuschauen. Zumal wir vermutlich auf der Rückreise noch einige Wartezeit hier verbringen werden.

Die Vormittagssonne leitet uns den Weg nach Westen und die A63 geht in die M62 über. Wir rollen entspannt und ein wenig müde auf York zu. Aber war da nicht etwas?

Der Moment, in dem man losfährt ist der gefährlichste im Linksverkehr.

Der Moment, in dem man losfährt ist der gefährlichste im Linksverkehr.

Seit einer guten halben Stunde fahren wir im Linksverkehr und haben es schon fast wieder vergessen. Also nicht, dass wir falsch fahren – sondern es fühlt sich schon wieder ganz normal an. Ich wundere mich immer wieder darüber, wie viele Menschen bei uns zu Hause mich fragen, ob fahren im Linksverkehr nicht anstrengend wäre. Viele sehen die Umstellung als so gefährlich an, dass sie lieber gar nicht in oder nach England fahren würden. Ich kann das nicht verstehen: Entweder habe ich einfach nur Glück und mir fällt die Umstellung leicht, oder viele Leute machen aus einer Mücke einen Elefanten! Im Endeffekt funktioniert im Verkehr fast alles wie bei uns auch – nur halt manchmal links oder links herum.

Nun bin ich schon ein paar tausend Kilometer in England gefahren – und jedes mal verwundert es mich, wie schnell man sich umstellen kann. Gefährlich ist nach meiner Erfahrung vor allem der Moment, an dem man sich nach einer Pause neu in den Verkehr begibt – und im schlimmsten Fall dabei auch noch abgelenkt ist. Im Verkehr ergibt sich der Linksverkehr dann fast wie von selbst.

Bei Ferrybridge müssen wir auf die M1 und waren bisher zu faul die Navigation in Betrieb zu nehmen. Niemand benötigt für Autobahnen normalerweise Navigation – außer vielleicht rund um Großstädte. Aber wir machen in diesem Urlaub das erste mal mit englischen Verkehrsführungen Bekanntschaft, indem bei Ferrybridge ein großer Kreisverkehr existiert, von dem die Autobahn auf- und Abfahrten abgehen. Dazu angrenzend eine Landstraßenkreuzung und einen knappen Kilometer weiter ein Spaghettiknoten zwischen allem. Und schon hat es uns erwischt. Wir fahren die nächste Abfahrt ab, stellen uns an ein wunderschönes Feld mit Mohnblumen und machen erst einmal Frühstück mit den Croissants vom Vortag! Schließlich ist ja Urlaub.

Dann nehmen wir die Navigation in Betrieb und nichts als ab in Richtung Norden auf der M1. In Nordengland ist doch alles etwas weiter als es auf der Karte aussieht und geprägt von Landwirtschaft. Und offensichtlich auch vom Militär – denn immer wieder kommen Jagdflugzeuge im Tieflug über die Autobahn.

Wir folgen der M1 bis kurz vor Arlington und wechseln dort auf die A66 in Richtung Westen. Wenn der Traum der Route 66 im Wesentlichen aus der Einsamkeit auf dem Weg nach Westen handelt, so steht die A66 dort nicht viel nach. Nicht umsonst heißt sie auf den ersten Meilen offiziell ganz schlicht „The Street“. Das reicht in dieser Umgebung zur eindeutigen Identifikation. Wir sind begeistert – haben wir doch nun die Autobahnen endlich hinter uns und wir genießen die Ausblicke auf die karge, hügelige Landschaft. Es sind erste Ausblicke auf das, was uns die nächsten zwei Wochen erwartet. So – oder so ähnlich – stellen wir uns Schottland vor! Hinter Bowes durchquert man die nördlichen Ausläufer der kargen und baumlosen Yorkshire Dales wie durch eine Hochebene.

Unser Ziel für die Erste Etappe ist Dumfries. Würden wir von Kingston upon Hull direkt dort hin, wären wir kurz nach dem Mittag dort. Nun hatten wir aber schon mehrfach gehört, wie schön der Lake District sein soll. Heimlich habe ich ja noch ein Auge auf den Hardknott Pass geworfen, welcher vielleicht der engste, aber mit 33% auf jeden Fall der der steilste Pass Englands sein soll. Ich hatte davon in Svenja’s Reisebericht gelesen, als sie Ihn mit einer kleinen Enduro bezwunden hat. Das wäre sicher auch mit dem Automobil ein fahrerisches Highlight gleich zu Beginn der Reise.

Also biegen wir – obwohl wir eigentlich ja nach Norden wollen – in Brough nach Süden auf die A685 und fahren in Tebay auf der M6 weiter Richtung Süden – klingt komisch, aber wir suchen in Kendal den Einstig in die Seenlandschaft. Schon wieder Autobahn – aber immerhin lacht die Sonne und es sind nur ein paar Kilometer. Sorry – ich meine natürlich Meilen!

Es ist Freitag Nachmittag und ich fürchte wir sind nicht die einzigen Menschen mit dem Gedanken, dass ein sonniges Wochenende im Lake Distrikt Freude bereitet: Wir stauen uns langsam zwischen zumeist britischen Touristen durch Kendal. Und auch auf der A591 in Richtung Windermere wird es nicht besser. Kurz darauf tangiert die A591 das Ufer des wunderschön zwischen den Bergrücken eingelassenen Lake Windermere. Wegen zähen Verkehrs können wir die Strecke kaum genießen. Nicht auszudenken, wie es dann heute auf dem Hardknott Pass aussehen mag. Still im Kopf abwägend entschließe ich mich schweren Herzens den steilsten Pass Englands westlich liegen zu lassen und mich weiter gen Norden durch die Seenlandschaft zu arbeiten. Sollte ich noch einmal in diese schöne Ecke Englands kommen, werde ich sicher einen zweiten Anlauf starten!

 

Da wir ja eigentlich Schottland sehen wollen, sollten wir heute wenigstens noch bis nach Dumfries & Galloway kommen.

Meine Theorie scheint sich zu bewahrheiten – hinter Ambleside wird es ruhiger und wir fangen an den Blick für die Landschaft neben der A591 zu bekommen. Bis Keswick folgt die Straße dem Tal des River Rothay. Sie verläuft über den flachen Pass of Dunmail Raise und führt an insgesamt drei schönen Seen entlang. Bei Keswick treffen wir wieder auf die A66 (obwohl hier eigentlich schon das „Fünfer“-Zählgebiet wäre), die uns am Bassenthwaite Lake vorbei nach Cockermouth bringt. So haben wir einen guten Überblick über den Lake District bekommen und uns entschlossen hier später in unserem Leben gern noch einmal vorbei zu schauen. Nordengland ist eben nicht nur Industrie und Reihenhäuser in Backstein! Das Lake District tut gut und ist ein gutes Beispiel dafür – und eine schöne Vorbereitung, die ich jedem Schottland-Reisenden mit genug Zeit gern empfehlen möchte.

Hinter Cockermouth löst flacheres, landwirtschaftlich genutztes Land das Seengebiet ab. Man könnte auch sagen: Es wird wieder langweiliger. Nach der Umfahrung von Carlisle geht es noch einmal kurz auf die M6 nach Norden bis nach Gretna – das ist aber nun wirklich das letzte Stück Autobahn, dass wir in den nächsten zwei Wochen sehen werden!

Gretna Green ist berühmt für seine Hochzeitstradition. In England wurde im Jahre 1753 ein Gesetz verabschiedet, dass für die Vermählung von Minderjährigen die Zustimmung der Eltern benötigt vorschreibt. Ab diesem Zeitpunkt führte es viele Liebespaare fast 200 Jahre bis zur Lockerung dieses Gesetzes hier her – denn Gretna ist der erste Ort hinter der Grenze zu Schottland, wo das Gesetz keine Gültigkeit hatte. Der Schmied traute dort alle Verliebten neben dem Amboss.

Bei Gretna geht es über die Grenze: Endlich Schottland!

Bei Gretna geht es über die Grenze: Endlich Schottland!

Gretna ist ein Ort von 200-jähriger Romantik – so bewegend, dass man es heute als Liebesgeschichte mit Road-Trip verfilmen würde. Leider ist im Ort selbst davon nicht viel zu merken. Das erste Haus in Schottland ist in einem bedauernswerten Zustand und so zieht es uns recht schnell weiter. Offensichtlich muss jeder Schottlandreisende hier einmal vorbei – auch wenn niemand davon so richtig weiß warum.

Für die erste Nacht habe ich uns von zu Hause einen Campingplatz westlich von Dumfries herausgesucht. Noch ein kleines Stück auf der A75 und wir sind fast da. Doch auf der letzten Meile auf der Irongray Road fällt unser Blick auf eine kleine Kirche die von alten Gräbern umgeben ist.

Ein verwunschener Friedhof mitten in der Landschaft bei Dumfries.

Ein verwunschener Friedhof mitten in der Landschaft bei Dumfries.

Wir halten an und wandeln leise über den Gottesacker. Normalerweise liegt es mir fern, freiwillig Friedhöfe aus Neugier zu besuchen – aber in England habe ich die Erfahrung gemacht, dass es viele Friedhöfe gibt, die so Idyllisch gelegen und geschmackvoll angelegt sind, dass man es sich als Ruhrgebiets-Anrainer nur schwer vorstellen kann. Während die frühe Nachmittagssonne auf die Kirche fällt, strahlt dieser Platz eine unglaubliche Ruhe und Frieden aus.

Vom Friedhof bis zum Campingplatz Barnsoul ist es nur noch ein Katzensprung. Es ist noch nicht spät und unsere Angst, keinen Stellplatz zu finden vollkommen unbegründet: Wir haben die ganze Zeltwiese für uns allein! Der Campingplatz ist wunderbar in die Landschaft integriert und lässt viel Platz für die Natur. Nicht ohne Stolz ist auf dem Faltblatt des Campingplatzes zu sehen, was es an Tieren hier zu sehen gibt: Füchse, Dachse, Otter, viele verschiedene Vögel und – besonders wichtig: Rote Eichhörnchen. Rote Eichhörnchen scheinen in Schottland einen gehoben Status zu haben – sehr viel höher als der von grauen Eichhörnchen jedenfalls. Das werden wir noch öfter auf unserer Reise bemerken.

Bevor wir das Zelt auf der entfernten Wiese aufbauen weist man uns noch auf mögliche „komische Geräusche“ in der Nacht hin – die würden von den Hirschen verursacht, wenn sie Nachts aus dem Wald kommen und den Schotterweg zum Teich zum trinken herunter laufen. Na, da sind wir aber gespannt.

Heute ist mal früh Schluss mit Auto fahren. Den Rest des Tages verbringen wir in der Sonne und schauen in unsere Reiseführer.

Heute ist mal früh Schluss mit Auto fahren. Den Rest des Tages verbringen wir in der Sonne und schauen in unsere Reiseführer.

Routiniert bauen wir unser Zelt auf und stellen erst mal alles auf Durchzug. Ein leichter Wind bläst den Muff aus dem Zelt und wir legen unsere Isomatten in die Sonne. Eine ganze frisch gemähte und auf englische Art gepflegte Wiese nur für uns allein! Wir legen uns und die Reiseführer bereit, um uns etwas auf Schottland einzustimmen.

Dazu die Sonne von einem blauen Himmel. Was wäre das für ein Luxus. Wäre. Genau. Wenn nicht nach kurzer Zeit zwei offensichtlich befreundete Familien des nordenglischen Proletariats die Szenerie befahren würden. Wir wissen es spätestens seit dem Lake District: Es ist Freitag und wir befinden uns in einer geographischen Breite, die von den nordenglischen Industriestädten bequem als Wochenend-Ausflug erreicht werden kann. Und wer Kinder und wenig Geld hat der zeltet. Ist ja alles auch eine tolle Sache. Leider glänzen unsere Exemplare hier nicht gerade mit vorbildlichem Sozialverhalten.

Flüchten hilft nicht – und so ergötzen wir uns an dem Schauspiel: Mehrere Umparkvorgänge und eine lautstarke Diskussion der Männer wo das Zelt hingehört. Während die Musik den Wald mit den Hirschen beglückt, tritt der Sohn gegen das Dixi-Klo und versucht es umzuwerfen. Wir hatten recht mit Nordengland, denn es fällt uns schwer den Unterhaltungen zu folgen, welche die Familienmitglieder sich über die Wiese zubrüllen.

Etwas später kommen noch zwei junge Belgierinnen auf den Platz und stellen sich abseits. Sie breiten sich auf einer kleinen Decke auf dem Boden vor ihrem Zelt aus. Ich bieten Ihnen gern auf französisch die Picknickbank an, die wir in Beschlag genommen haben. Vielleicht ergibt sich ja eine interessante Bekanntschaft. Aber sie lehnen ab und bleiben wohl doch lieber unter sich. Vielleicht sind sie aus Flandern und ich habe die Sache mit der französischen Ansprache direkt schon verbockt. Wer weiß?

Ein Bier aus Schottland und eines aus dem Lake District. Die Minzsauce ist für das Lamm. Very british!

Ein Bier aus Schottland und eines aus dem Lake District. Die Minzsauce ist für das Lamm. Very british!

Schade, aber uns soll es egal sein. Den kleinen Grill habe ich extra auf einen Stein ausbalanciert, damit der gute Rasen keinen Schaden nimmt. Obenauf brutzelt unser frisch aus dem Supermarkt in Dumfries mitgebrachtes Lamm. Dazu die klassische, englische Minzsauce – aber nicht zu viel! Das ist kulinarisch schon mal ein gutes Stück Schottland. Noch gerade eben hinter der Grenze zu Schottlandgibt es dazu jeweils ein Bier aus Schottland und eines aus dem Lake District – was für ein stimmiger Ausklang für unseren ersten ganzen Reisetag.

Doch kaum ist die Sonne untergegangen zwingt uns eine bisher unbekannte Macht in unser Zelt: Die berühmten Midges fallen in Wolken über und her. Man atmet sie ein, man bekommt sie in die Augen – es ist wie mit Karneval im Rheinland: Das einzige, dass hilf ist sich an einen sicheren Ort zurück zu ziehen: Hinter das Mückennetz in unser Zelt.

 

 

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