Schottland 2013 – 3. Tag – Dumfries nach Oban

Die Nacht war gut: Ruhig. Nichts hat geschaukelt und vor allem waren die Midges dort, wo sie hingehören: Draußen! Hirsche haben wir allerdings keine gehört. Auf dem Campingplatz ist es ruhig -offensichtlich haben die Proleten am anderen Ende der Wiese genug getrunken um gut zu schlafen. Wir genießen eine Dusche im Sanitär-Holzhaus und packen schnell unsere Sachen zusammen.

Kurz nach dem Aufstehen morgens zeigt das Thermometer schon fast 20°C. Was für ein Wetter! Nicht das, was man von Schottlandwetter denken würde. Wir wollen uns mal nicht beschweren. Denn es sollte noch anders kommen!

Kurz nach dem Aufstehen morgens zeigt das Thermometer schon fast 20°C. Was für ein Wetter! Nicht das, was man von Schottlandwetter denken würde. Wir wollen uns mal nicht beschweren. Denn es sollte noch anders kommen!

Bevor wir das Véhicule anwerfen, gehe ich aber noch einmal zum fotografieren in den kleinen, verwunschenen Bachlauf vor dem dunklen Wald um ein paar Bilder zu machen.

Heute wollen wir uns ein Stück der Küste südwestlich von Dumfries ansehen und dann stehen noch einige Meilen nach Norden bis nach Oban an, das wir uns als Basisort für die nächsten Tage ausgesucht haben. Vor allem steht heute morgen der erste Leuchtturm des Urlaubs auf Liste. Über die A710 fahren wir südlich nach Newabbey.


Der Ortsname ist irreführend, denn in Newabbey gibt es keine neue  – sondern eine alte Abtei: Sweetheart Abbey! Diese alte Abtei gründet aus dem 13. Jahrhundert und ist vor allem durch seine Gründungsgeschichte bekannt geworden: Der Sage nach liebte Devorguilla von Galloway Ihren Mann John de Balliol so sehr, dass sie für immer mit Ihm zusammen sein wollte. Nach seinem Tod ließ sie daher sein Herz entnehmen, einbalsamieren und trug es den Rest Ihres Lebens immer bei sich. Sie stiftete aus Liebe das Kloster, in welchem sie nach Ihrem eigenen Tod zusammen mit dem Herz beigesetzt wurde.

Das Licht gibt heute nicht viel her: Helle, hohe Wolken ohne Struktur,

Das Licht gibt heute nicht viel her: Helle, hohe Wolken ohne Struktur,

Heute ist die Abtei leider nur noch ein Ruine. Aber man kann sehr gut erkennen, was für ein ausgesprochen großer Bau für eine selbst heute dünn besiedelte Gegend hier gestanden hat. Die Mauern und viele Bögen sind noch erhalten und laden zum photographieren ein. Aber trotz des Weitwinkels will heute morgen der Funke nicht richtig überspringen. Die dünnen, hellen Wolken schaffen kein wirklich brauchbares Licht. Weder gibt es harte Kontraste, noch dramatische Wolken. So bleibt neben der tollen Geschichte das Erlebnis ein wenig dünn.

Die Ruine von Sweetheart Abbey,

Die Ruine von Sweetheart Abbey,

Sweetheart Abbey war unser erstes Ziel mit dem Historic Scotland Explorer Pass, den wir für 36,50 € im Voraus bestellt haben. Allein der Eintritt zur Sweetheart Abbey kostet 4,50 £. Da unser Pass an sieben von insgesamt 14 Tagen gilt, kramen wir schnell die Dokumentation hervor und schauen, ob wir nicht noch etwas anderes Schönes zum besichtigen finden. Und wirklich, im gleichen Ort gleich um die Ecke befindet sich die New Abbey Corn Mill – eine restaurierte Mühle in betriebsfähigem Zustand. Wie wir es schon in Südengland oft erlebt haben, wird die die ganze Mühle von einem kleinen Team von freiwilligen Helfern liebevoll gepflegt und in Stand gehalten. Dazu gehört natürlich auch der perfekt gestutzte Rasen im Hinterhof! Nachdem wir vorsichtig eingetreten sind – eine Warnung an alle Menschen die größer sind als ca. 1,60 m – bricht über uns erst einmal das Dunkel der Mühle herein. In einem Nebenzimmer bekommt man einen informativen Kurzfilm zu sehen und anschließend gibt es eine persönliche Führung über die drei Ebenen der Mühle. Anscheinend haben wir immer wieder das Glück, die einzigen Besucher in alten Mühlen oder Leuchttürmen zu sein.

Oder sind wir etwa die einzigen Menschen, die sich für solche Gebäude interessieren? Wir haben keine Eile, genug Zeit für viele Fragen und bekommen auch noch im Anschluss Zeit uns einfach nach Herzenslust umzusehen. Das lohnt sich, denn erst dann erschließen sich mir viele Details der alten Technik und auch einige liebevolle Details der Präsentation. Selbst eine ausgestopfte Maus im Korn auf dem Trockenboden wurde nicht vergessen! Als wir aus dem alten Mühlengemäuer treten, schlägt uns die volle Sonne ins Gesicht und wir spazieren die weiß getünchten Häuser der Dorfstraße entlang zurück zum Parkplatz mit dem guten Gefühl, dass sich mit der Mühle nun der Besuch von New Abbey doch gelohnt hat. Vor allem, da wir bei einem regulären Eintritt von ebenfalls 4,50 £ ohne nseren Historic Scotland Explorer Pass sicherlich nicht in das Dunkel der Mühle getreten wären.

Die kleinen Häuser entlang der Hauptstrasse lassen mich überhaupt nicht an Schottland denken. Viel eher verbinde ich diese Ansicht mit der Ortsdurchfahrt von Abbotsbury in Dorset. Wir sehen einen Landrover Defender am Straßenrand abgestellt – und kein Auto würde besser hier her passen: In Wollpullover und einer abgewetzten Wachsjacke gekleidet und mit einem Hund im alten Landrover durch Schottlands Landschaft rollen – um dann um fünf  Uhr stehenzubleiben, wo immer ich bin. Den Becher mit heißem Tee in der Hand, den Blick über die weite Landschaft gelegt: Ich könnte mit diesem Gedanken leben. Die ikonenhafte Britishness hat einen Reiz, dem ich mich nur schwer entziehen kann.

Landidylle in Newabbey.

Landidylle in Newabbey – oder soll ich sagen „Landy-Idylle“?.

Nach nur wenigen Kilometern haben wir mit Southerness unser zweites Ziel für heute erreicht und berühren damit das erste mal die Schottische Küstenlinie! Southerness ist ein kleiner und verschlafener Ort. Verschlafen darf man hier aber nicht im gemütlich-romantischen Sinn verstehen. Außer ein paar wenigen Ferienwohnungen mit Wellblech-Dächern und einem Steinstrand scheint der Ort wenig zu bieten. Er versprüht in der Tat einen leicht heruntergekommenen und morbiden Charme. Aber der erste schottische Leuchtturm wartet auf mich: Dabei ist Southerness Lighthouse gleichzeitig der zweitälteste Leuchtturm Schottlands. Wir gehen ein paar Schritte den Steinstrand entlang und genießen das gleißend helle Licht des weiß getünchten Leuchtturms unter dem blauen Himmel und vor dem leicht aufgewühlten Meer.

Southerness Lighthouse bei Sonnenschein - der schönste Platz in ganz Southerness!

Southerness Lighthouse bei Sonnenschein – der schönste Platz im ganzen Ort!

Mit dem Blick auf den Leuchtturm und dem Rücken zu den Blechdächern ist es in genau dieser Ausrichtung der perfekte Ort für unser heutiges Frühstück! Zu diesem Zweck hatten wir am Vortag extra Toastbrot und schottischen Käse gekauft. Das Toastbrot wird nicht getoastet – sonst wäre es ja kein richtiges Sandwich! Offensichtlich sind wir nicht die einzigen Menschen, die so denken, denn eine alt Feuerstelle kündet von einem netten Abend am Meer mit Blick auf den Solway Firth. Was für eine Überraschung, die Tür zum Leuchtturm steht offen!

Ganz untypisch für schottische Leuchttürme hat Southerness Lighthouse keine diagnonal verstrebten Fensterrahmen.

Ganz untypisch für schottische Leuchttürme hat Southerness Lighthouse keine diagnonal verstrebten Fensterrahmen.

Der Leuchtturm wird privat zur Besichtigung geöffnet und offensichtlich habe ich Glück! Southerness ist mit gut 250 Jahren immerhin einer der ältesten Leuchttürme, die es in Schottland zu sehen gibt. Oben angekommen bin ich dann doch etwas enttäuscht. Mit etwa 17 m ist der Turm nicht sonderlich hoch. Der Ausblick auf das Meer ist gut aber man schaut nicht viel weiter als von unten. Der Laternenraum ist vollgestopft mit allerhand maritimen Devotionalien und Büchern – aber es ist keine originale Beleuchtung mehr vorhanden. Das interessanteste Stück ist der strukturelle Rest einer Messingleuchte einer höheren Kategorie – und damit kleinen Leuchte. Leider ist aber auch da keine Optik mehr dran. Ein kleiner Plausch mit dem pensionieren Betreuer gehört zum guten Anstand auf der Insel – aber dann geht es die paar Treppenstufen auch wieder herunter, zurück zum Vehikel und frisch gestärkt schlagen wir wieder die Straße – wie der Brite direkt übersetzt sagen würde. Immerhin haben wir noch einiges zu entdecken und noch einige Meilen nach Norden zu machen.

Die Landschaft hier ist ein wenig wie ihre eigene Schublade: Wenn man sie aufzieht, dann sind schon Bilder darin von Shawn dem Schaf und Inspektor Barnaby. Eine britische Idylle aus Mauern, Hügeln, Wiesen und Kirchen die keine Spitze haben.

Die Landschaft hier ist ein wenig wie ihre eigene Schublade: Wenn man sie aufzieht, dann sind schon Bilder darin von Shawn dem Schaf und Inspektor Barnaby. Eine britische Idylle aus Mauern, Hügeln, Wiesen und Kirchen die keine Spitze haben.

Unser nächstes Ziel für heute ist Culzean Castle westlich von Maybole. Dorthin geht es das erste Mal über eine Strecke, die so richtig nach Schottland aussieht. Damit meine ich das Schottland, das sich bisher in meinem Kopf befindet und dort von Reiseberichten, Bildbänden, Fotos und – nicht zuletzt – den alten Super-8-Filmen meiner Eltern aus den 70ern geprägt ist. Das letzte mal, das ich diese gesehen habe fuhr dort Ihr Citroen CX unter einem ausgeblichenen Himmel durch rötlich-braun vergilbte Landschaften, die aussahen wie eine Retro-Version dieser Strasse! Der Citroen war damals wohl in weiser Voraussicht in braun lackiert, so viel das später in den Filmen nicht so auf!

Bitte die süßen Lämmchen nicht umfahren, von den erwachsenen Schafen haben wir genug...

Bitte die süßen Lämmchen nicht umfahren, von den erwachsenen Schafen haben wir genug…

Ich aber sehe die Landschaft in kräftigen Farben und gestochen scharf durch meine eigenen Augen vor mir: Blauer Himmel und  grüne Wiesen – von einem schwarzes Asphaltband durchschnitten: Es geht über die Dalbeatty, Castle Douglas, New Galloway und Dalmellington über gewelltes Land mit glücklichen Kühen, wilden Jungbullen, gemütlichen Schafen, den unvermeidbaren Cattle Grids und immer wieder den sympathischen Erinnerungen, man möge doch bitte auf die Lämmchen aufpassen. Wieso eigentlich nur Lämmchen? Werden erwachsene Schafe hier einfach überfahren und abends auf den Grill gelegt?

Zwischendurch kommen wir am einsamen Schlösschen „Brocklock Tower“ vorbei. Ich würde zu gern wissen, was das für jemand ist, der hier wohnt und sich immerhin einen eigenen Steinkreis in den Garten gebaut hat. Oder war der Steinkreis schon immer hier? Ich muss unwillkürlich wieder an Glastonbury denken, das ich als den britischen Pol für Esoterik-Jünger in Erinnerung habe. Beides halte ich hier auf der Insel für möglich.

Meine Neugier ist geweckt: Das Turmhaus ist nicht nur eine imposante Erscheinung in der weite des Tals, auch das darin und darum scheint außergewöhnlich: Der Tower ist bewohnt und gehört einem ehemaligen Polizisten aus der Gegend, der sich besonders durch sozialen Einsatz für die Integration der älteren Generation hervorgetan hat. Gedankt hat die Gesellschaft es ihm nicht, wurde seinem stattlichen Haus doch gleich zwei mal das repräsentative Tor geklaut – und das in einem einzigen Jahr! Das war harmlos gegenüber dem Jahr 1951, als ein vollgetankter, amerikanischer Bomber neben dem Brockloch Tower einschlug. Ein Gedenktstein in der Mauer neben dem Haus erinnert an die Toten dieses Unfalls.

Für gemütliches Landleben stand Brockloch einfach am falschen Ort. Das war früher so und heute gilt es auch nocht: Denn es stand immer schon mitten im Grenzgebiet zwischen Schottland und England. Wann immer hier Krieg herrschte, kamen die marodierenden Horden hier vorbei. Egal wer und von welcher Seite! Nicht umsonst war die befestigte Bauweise in dieser Art hier wohl sehr beliebt – und auch notwendig.

Die Schriftstellerin Sarah Hall  beschreibt die Bedingungen recht anschaulich:

„This was where the raiders met coming south or north . This was burnt-farm, red-river, raping territory. A landscape of torn skirts and hacked throats, where roofs were oiled and fired, […] The houses in the Borders, if they weren’t fortified, were temporary, made of shit and cattle spit and wattle, easy to dismantle, because when the reivers came you either held fast behind eight hewn feet of rock, or you packed up and ran“.

„Es war hier, wo sich die Plünderer aus dem Norden und Süden trafen. Es war das Land der verbrannten Höfe, der roten Flüsse  – Vergewaltiger-Land. Eine Landschaft zerrissener Röcke und abgeschnittenen Hälse, wo Dächer mit Öl übergossen und niedergebrannt wurden. […] Wenn die Häuser im Grenzgebiet nicht befestigt waren, dann waren sie nur vorübergehend – gebaut aus Mist, Flechtwerk und Spucke des Viehs – einfach niederzureißen. Denn wenn die Plünderer kamen, dann suchte man entweder Schutz hinter acht Fuß starkem Mauerwerk oder packte schnell zusammen und rannte.“

„Butcher’s Perfume“, Sarah Hall.

 

Was dieses Haus in früheren Jahren wohl noch alles erlebt haben mochte?

Weiter geht die Fahrt über schmale Straßen, weite Hügel und auch ein paar Wäldchen – immer auf Maybole zu. Doch als wir dort ankommen gibt es erst mal einen kleinen Schock. Vielleicht war ich diesmal auch einfach nur naiv: Um das Schloss ist ein großes Anwesen, das gern von Familien als Ausflugsziel gewählt wird. Und an der Zufahrt ist dieses Schild. Es will uns klar machen, dass man pro Person 10 £ für die Besichtigung des Schlosses haben möchte – und noch einmal weitere 10 £ für die Benutzung des Parks. Also pro Person, nicht etwa pro Fahrzeug! Kurz kommt die Frage auf, was wir jetzt tun sollen. Eintrittsgelder sind auf der Insel schon eine Spur teuer, das wissen wir. Aber das hier ist jetzt echt eine Hausnummer. Aber einfach so wieder weiter fahren? Wir entscheiden uns also für den Park und gegen das Innere des Schlosses.

Das Schloss hat eine herrliche Lage und einen sehr schönen Garten davor. Der Park ist gut gepflegt und man findet auch am Wochenende ein ruhiges Plätzchen. Obwohl Sommerwochenende ist und daher schon so einige Tagesbesucher aus dem industriellen Norden hier herumlaufen. Um ein einsames Plätzchen zu finden, müssen wir schon ein paar Meter laufen. Im unteren Garten rund um die Orangerie ist die viel los: Familien picknicken auf dem elitären Rasen. Das darf man hier! Aber es gibt sie auch : Ein wunderbarer Ausblick auf das Meer, windstill eingebettet zwischen Rhododendren – fast ganz für uns allein! Es gibt einen kleinen See, auf dem Seerosen wachsen und einen sehenswerten „Walled Garden“. Am Kiosk kaufen wir uns ein Eis und ruhen uns noch eine Weile auf dem Rasen aus. Schließlich ist ja Urlaub und wir wollen uns langsam mal erholen!

Aber das alles für 20 £? Ich bin nun schon den dritten Tag im Urlaub, aber trotzdem gedanklich noch zu Hause in Deutschland. Da, wo man immer etwas zu meckern hat. Wo der Sommer entweder kein richtiger Sommer ist oder aber viel heiß. Wo es früher noch richtige Winter gab und heute allenfalls noch Schneechaos. Und wo so wie so immer alles zu teuer ist. Ich bin gespannt, wann ich im Urlaub ankomme.

Vielleicht ist der Urlaub noch weiter oben im Norden? Probieren wir es aus! Lassen wir den Diesel laufen und uns weiter nach Norden schleppen! Wird nehmen die direkte Route an Ayr und Kilmarnock vorbei – die relativ schnellen Straßen. Durch Glasgow möchte ich nicht hindurch, das könnte am Nachmittag zähen Verkehr bedeuten. Und Glasgow stand von Anfang an nicht auf der Liste unserer Ziele für diese Tour. Vielleicht hat Glasgow bei uns nur ein schlechtes Image und wir tun hier Unrecht. Aber eigentlich sind wir wegen Landschaften und Natur hier. Und wenn es eine Stadt sein soll, dann eher Edinburgh.

Mir fiel es schwer die Reisedauern und Entfernungen hier zu schätzen. Also die schnellen Straßen und immer weiter Richtung Norden. Nicht aufhalten lassen. Also doch noch ein letztes Mal für lange Zeit ein Stück Autobahn auf der M8 westlich an Glasgow vorbei. Es ist inzwischen schon später Nachmittag und der blaue Himmel von Southerness und Culzean Castle ist irgendwo auf der Strecke geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir nach Norden kommen? Ich hatte gelesen, dass die Strecke am Loch Lomond landschaftlich schön sein soll. Darauf habe ich mich gefreut. Aber inzwischen ist es dunkler und grauer geworden. In einem endlosen nassen Band läuft die A82 am Westufer vorbei. Die Scheinwerfer fangen an langsam warme Lichtflecken auf den fahlen Asphalt zu werfen. Natürlich habe ich die Scheinwerfer vorher abgeklebt, damit ich niemanden hier oben blende. Im Moment blendet aber nur die Reflektion im Regen.

Grauer Asphalt, grauer See und grauer Himmel. Wie gut, dass wir keine Zeit haben um am Seeufer zu bleiben, es gäbe heute nicht viel zu sehen von der beworbenen Schönheit des Loch Lomond. Es regnet nun am Stück. Und warum bitte fahren die Schotten hier so langsam? Immer wieder erwische ich mich im Urlaub dabei, dass ich mich frage, wieso in aller Welt die Einheimischen in Ihren heimatlichen Gefilden so langsam unterwegs sind. Sie verraten es mir nicht. Ich kann sie auch nicht fragen, sie sitzen ja schließlich in Ihren Autos – und ich wir in unserem.

Die Straße sieht auf der Karte so schön gerade aus – ist sie aber gar nicht. Sie windet sich. Und wir fahren seit geraumer Zeit einem Pulk aus drei Autos hinterher. Man kann nicht überholen wegen den vielen Kurven, wegen durchgezogener Linien, wegen Überholverboten oder weil die Geraden einfach zu kurz sind. Man mag es nicht glauben, aber ich bin sehr konservativ beim überholen. Es wird immer später und noch 70 Meilen bis Oban – das sind hier bei Regen leicht zwei Stunden! Besonders hinter diesen gemütlichen Mitverkehrsteilnehmern. Ich bin Vielfahrer und das Fahren macht mir nichts aus. Ich fahre zu jeder Zeit und bei jeden Bedingungen – aber heute wollen wir doch alle noch ankommen! Bei der nächsten kurzen Geraden schalte ich zwei Gänge herunter, ziehe rechts raus und gebe dem Clio die Knute. Mögen die Einheimischen von den Deutschen denken was sie wollen – aber endlich kann ich in Ruhe meine Tour fahren. Passend vor der nächsten Kurve wieder eingeschert kommt mir wieder in den Sinn: Ich bin noch gar nicht im Urlaub angekommen. Ich fahre wie zu Hause: Habe Ziele und Termine. Vielleicht wird das ja im Norden besser.

Irgendwann ist dann die Abzweigung bei Crianlarich auf die A82 erreicht. Die Straße ist gut ausgebaut und wird gebirgiger, an den Rändern fliegen Tannenwälder vorbei.  Es regnet sich ein und wir kommen am Abend am Oban Caravan and Camping Park an. Durch jahrelanges Training ist das Zelt auch im Regen schnell aufgebaut.

Das Zelt steht und ist auch dicht. Aber es reizt mich nicht, darin den Abend zu verbingen.

Das Zelt steht und ist auch dicht. Aber es reizt mich nicht, darin den Abend zu verbingen.

Der Campingplatz selbst liegt in einem Taleinschnitt an der langen und schmalen Gallanach Road, die direkt am Kerrera Sound entlang entlang führt. Nur über diese Straße kommt man hin und wieder weg – was für größere Campingfahrzeuge oder lange Gespanne eine Herausforderung sein kann. Die Lage ist mit Blick auf die fast nicht mehr bewohnte Insel Kerrera und den windgeschützten Sund sehr schön und die Zeltwiese gut gepflegt. Die Qualität der Sanitäranlagen kann da leider nicht mithalten. Wir sind aber einiges aus kommunalen, französischen Campingplätzen gewöhnt. Hier reicht das Qualitätsniveau aber dann auch über deren schlechtere Hälfe nicht hinaus. Meine ursprüngliche Planung ging von drei Übernachtungen aus, da Oban an sich ein toller Ausgangspunkt für Ausflüge in alle Richtungen darstellt!

Neben uns hat ein Motorradfahrer – oder besser gesagt der Besitzer einer Art von motorisiertem Sofa sein Zelt aufgeschlagen. Seine in die Jahre gekommene Honda Goldwing stach vor allem durch das über die Sitzbank gezogene Schaffell aus der Menge „normaler“ Motorräder heraus.

Bei anhaltendem Regen entschieden wir uns, diesen Abend nicht am mitgebrachten Campingkocher zu verbringen – obwohl selbst in unserem kleinen Tunnelzelt man recht gut in der Apsis kochen kann. Es hieß also noch einmal aufsitzen, den Diesel anwerfen und wir fahren nach Oban. Frisch gemäht und tief durchweicht stellt der Rasen dabei eine echte Herausforderung für die Koordination von Gas und Kupplung dar. Vor allem, wenn man sein Vehicel wirklich von der Wiese bekommen, diese aber nicht gleich zerstören möchte. Während ich gefühlvoll das Auto vom Fleck schaukele, erinnere ich mich spontan an Woolacombe in Devon, als ich den Zeltplatz mit dem gleichen Auto in eine Wildschwein-Suhle verwandeln musste, um den Tagesplan zu retten!

Eine echte Herausforderung an gefühlvolle Pedaleriearbeit.

Eine echte Herausforderung an gefühlvolle Pedaleriearbeit.

Nachdem ich nach zwei Runden durch das Zentrum einen kostenlosen Parkplatz aufgetan hatte, drehten wir eine weitere Runde zu Fuß durch den kleinen Hafen. Ein wirklich beschaulicher Ort und durch die vielen Fährlinien hat der Ort eine gewisse Bedeutung als Hafen. Leider kommt im Abendgrau dann doch eher eine gewisse Tristesse durch. Eine Melancholie mit dem noch beleuchteten aber für heute fest vertäuten Fährschiff von Caledonian MacBrayne, die dem Hafen eine eigene Note gibt.

Neben asiatischer Küche finden wir mit dem „Oban Bay Fish Bar & Restaurant“ einen Fish & Chips Shop mit Blick auf den Hafen, in dem man prima sitzen kann. Das war in etwa genau das, was ich mir vorgestellt haben. Für gehobene Restaurants haben wir so wie so keine passende Schale dabei, es dauert uns zu lange und ist in Großbritannien auch nicht gerade preiswert. Ein Fish & Chips ist genau das, was hier hin gehört – das Highlight des Abends sind einmal Haddock (Schellfisch) und einmal Cod (Kabeljau) nach bewährter Machart.

Fischerboote im Hafen von Oban.

Fischerboote im Hafen von Oban.

Nach dem Mahl hat der Regen nachgelassen und wir drehen noch eine Runde durch den Hafen. Wie wir feststellen hat es auch den Besitzer des Honda-Sofas noch einmal bewogen sich auf sein durchnässtes Schaffell zu setzen und im Ort sein Glück zu suchen.

Heute gibt es hier nichts mehr zu sehen. Zurück im Zelt schlafe ich schnell beim leisen prasseln des Regens ein.

Auch die "Lord of the Isles" fährt heute nirgendwo mehr hin.

Auch die „Lord of the Isles“ fährt heute nirgendwo mehr hin.

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