Schottland 2013 – 4. Tag – Halbinsel Kintyre

 

Schreihals! Von wegen stille Landschaft - der kann froh sein, dass er nicht in meinen Campingtopf passt!

Schreihals! Von wegen stille Landschaft – der kann froh sein, dass er nicht in meinen Campingtopf passt!

Kaum machen wir im Zelt die Augen auf, fällt die Stille auf. Es prasselt nichts! Der Regen hat über Nacht aufgehört. Und kaum stecken wir den Kopf durch den Reißverschluss des Zeltes wird klar: Bestes Urlaubswetter. Zumindest im Vergleich. Schwer hängen die Wolken noch an den Hängen und die Wiese ist noch nass – aber das soll uns egal sein. Irgendwoher müssen die schottischen Wiesen ja auch so grün sein. Doch das mit der Stille täuscht nur. Für mein Aufwachen war wahrscheinlich ein schwarz-bunter Kollege verantwortlich, der sich auf dem Campingplatz tummelt. Oder besser: Der scheinbar unbeschadet bis heute seinen vorlauten Schnabel überlebt hat.

 

IMG_8464_HDWir haben uns für heute die Halbinsel Kintyre vorgenommen, die sich etwa 80 km lang ins Meer erstreckt und dabei bis zu knapp 20 km breit ist. Das werden also ein paar Meilen zu fahren sein. Daher gehen wir es früh an und halten fahren sofort los – und halten uns nicht länger als nötig mit anderen Dingen auf. Für mehr als die notwendigste Körperpflege motivieren uns die örtlichen Örtlichkeiten auf dem Campingplatz in Oban so wie so nicht.

Schnell springt der kleine Diesel an und die feuchte Wiese fordert ihren Tribut: Mit ganz viel Gefühl in Gas und Kupplung kommen wir auf der schiefen Ebene vom Fleck, ohne mit den Reifen auf dem nassen Rasen braune Rinnen zu hinterlassen wie einst in Woolacombe in North Devon.

An der Ausfahrt des Campingplatz biege ich nach links ab. Das ist grob die Richtung nach Kintyre und ich hatte gestern schon Lust zu gucken, wo diese hübsche, schmale Straße hin führt. Die Antwort wird schnell klar: Leider nirgendwo hin – oder zumindest nirgends, wo man hin dürfte. Sie endet ziemlich bald an einem Tor. Also umdrehen, zurück nach Oban – und im Sonnenschein sieht der Ort gleich viel farbenfroher und freundlicher aus als noch gestern Abend!

Der Sound of Kerrera liegt fast so still wie ein Spiegel neben der kleinen Straße und ein paar geankerte Segelboote wiegen sich darauf geschützt vor den Wellen des Atlantik. Ich halte für ein paar Photos an und schon ist die gestrige Meilenbolzerei im Regen vergessen. So fühlt sich Urlaub an. Gespannt bin ich, was dieser Tag mir zeigen wird.

Ich folge  zunächst der A816, die sich durch das Gelände schlängelt, bis ich am Arduaine Garden ankomme. Der Stand auf meiner Liste des National Trust of Scotland und ist daher mit der Touristenkarte umsonst zu besichtigen.

Ein kleiner Fußweg führt zum eigentlichen Garten hinunter, der von Grund auf halt ein Garten ist – für mich als nicht-Botaniker also eher mittelmäßig interessant. Aber trotzdem mag ich die britischen Gärten sehr – ohne in irgendeiner Weise auch nur wenig Ahnung von den Pflanzen zu haben. Meine unerwartete Liebe zu britischen Gärten habe ich damals beim Südengland-Urlaub im für mich bisher unerreichten Trebah Garden entdeckt .Es gibt in den Gärten immer schöne Motive und meist findet sich auch ein ruhiges Plätzchen zum entspannen.

Das gibt es auch hier: Nach einem ersten Rundgang durch den Garten habe ich eine schöne Ecke mit alten Bäumen gefunden, wo ich gleich die erste Photosession mit unserem kleinen, mitgebrachten Wölfchen veranstalte. Wir erinnern uns: Der Kleine möchte über das Land reisen und an Orten fotografiert werden, die Wölfe mögen könnten. Hier ist also ein halboffener Wald und Farne. Das passt gut.

Ein Stück weiter endet der Garten an der Küstenlinie – durch einen kleinen Trampelpfad erreicht man einen Aussichtspunkt mit fantastischem Panorama. In der Sonne sitzend das Panorama auf die Bucht genießen: Der ideale Platz für das heutige Frühstück – denn aufgrund fluchtartig verlassenem Campingplatz gab es ja noch keines.

Nur selten verirrt sich ein anderer Besucher hier her. Die meiste Zeit es ist dieser schöne Ort ein ganz privater Aussichtspunkt und niemand stört beim Sandwich. Oder gegebenenfalls auch anders herum.

So schön es hier ist: Es zieht mich weiter an die Landspitze. Erst einmal kommt man aber kurz später nach Kilmartin. Auf der Karte sieht dieser Ort unscheinbar aus: Zusammengewürfelt aus zwei Dutzend Häusern mitten in weiter Landschaft. Aber dieser kleine Ort ist ein wahres Bündel alter, mystischer Orte: Eine alte Kirche mit verwunschenem Gräberfeld, Grabsteinen mit keltischen Mustern – umgeben von Steinsetzungen und Hügelgräbern! Alles in allem soll es rund 150 prähistorische Monumente in der Umgebung geben!

An so einem Ort sind eigenwillige Menschen meistens nicht weit – vor allem nicht, wenn der Ort sich irgendwo in Großbritannien befindet. Das habe ich spätestens beim seit dem Besuch in Glastonbury bemerkt!

Und auch diesmal brauchen ich nicht lange zu suchen. Auf dem Parkplatz neben uns steht ein alter Renault Scenic. Das Auto macht auf den ersten Blick einen heruntergekommenen Eindruck – mit Türen in verschiedenen Farben, die wohl schon als Ersatz montiert sind. Im Inneren sieht der Wagen nicht besser aus als unser Clio nach zwei Wochen aktivem Camping-Urlaub: Allerhand Dinge des täglichen Gebrauchs liegen kreuz und quer im Wagen verstreut – es sieht aus als würde dort jemand im Auto wohnen.

Wer passt wohl zu diesem Auto? Meine Augen schweifen umher und werden fündig bei einer Dame in den Mittfünfzigern – abgetragene Kleidung und bunt gefärbtes, aber wenig gepflegtes Haar. Da sonst niemand hier ist, geraten wir schnell in ein Gespräch: Sie ist zusammen mit Ihrer Eule auf der Reise. Die Eule – so sagt sie – hätte sie sehr jung bekommen. Und da die Eule sonst niemanden hat, fährt sie halt mit Ihrem Auto die Eule durch die Landschaft und zeigt Ihr Orte, an der eine Eule einmal gewesen sein sollte. In der Tat entdecke ich im Laderaum vom Renault eine Käfigkiste. Insgesamt hoffe ich ja, dass die Eule selbst auch den gleichen Geschmack hat, was Orte und Transport angeht – aber eine andere Wahl bleibt Ihr wohl auch nicht. Trotz allem finde ich die parallelen zu unserem kleinen Wölfchen verblüffend – aber der ist ja auch aus Kunststoff und damit weit weniger anspruchsvoll!

Wenn man so etwas nicht grundsätzlich ablehnt ist ein Rundgang über den Friedhof in Kilmartin vor allem durch die ausgestellten, alten Grabsteine mit keltischen Verzierungen interessant. Aber auch sonst gibt es jede Menge alter Grabsteine, die viele britische Friedhöfe interessant machen. Es scheint manchmal, als sei hier die Zeit stehen geblieben und alles bliebe für immer so wie es ist: Schiefe Grabsteine, deren Inschriften so verwittert sind, dass man sie kaum mehr entziffern kann.

[Schwarze Schafe]

 

Neben dem Friedhof stehen ein paar Infotafeln an einem Punkt von dem man wunderbar in das anschließende Tal sehen kann. Man entdeckt dort Steinsetzungen, Grabhügel – und natürlich Schafe.

 

 

Alles drei sagt uns zu und so sind nach wenigen Minuten Fahrt die Kilmartin Standing Stones unser nächstes Ziel. Es ist um die Mittagszeit und es fällt mir schwer, ein wenig Mystik in die Bilder zu bekommen. Licht gibt es genug, aber es gibt einfach nichts her. Ich versuche es daher mit ausgefallenen Aufnahmepositionen und Detailaufnahmen. Im Sonnenauf- oder Untergang und bei aufziehendem Nebel muss es hier fantastisch sein. Vor allem, wo mitten in der touristischen Hochsaison hier nichts los ist. Wer je einmal versucht hat zu offiziellen Öffnungszeiten ein Bild von Stonehenge ohne Menschen zu bekommen wird wissen was ich meine [Link, Bild Stonehenge] !

Leider habe ich keine Zeit bis zum Sonnenuntergang und ich bin am Anfang der Reise noch viel zu neugierig auf den Rest von Schottland. Wir folgen also der Straße weiter und fahren in die Halbinsel von Kintyre ein. Die Wahl der Route ist bis Tarbert relativ einfach – ab Lochgilphead gibt es nur einen Weg nach Kintyre und wieder heraus!

IMG_8643_HDAuf halben Weg kommen wir in Ardrishaig bei schönstem Sonnenschein an einer wunderschönen, alten Schleuse vorbei. Die Schleuse soll offenbar verhindern, dass der kleine Hafen bei Ebbe leer läuft. Der Tidenhub an der Westküste ist hier nicht gerade klein. Und wenn einige Wasserflächen hier manchmal auch aussehen, als wären sie Seen, so zeigt der Blick auf die Karte ein äußerst weit verzweigtes System aus Meeresarmen, die sich in der zerklüfteten Küste bis weit ins Landesinnere erstrecken. Die Boote werden  auf Ihrem Weg in den Meeresarm noch von einer Mole begleitet, an deren Ende sich ein durchaus fotogener, kleiner Leuchtturm befindet. Ich mag diese Art von Überraschungen, die mich zwingen unbedingt anzuhalten und unbedingt ein paar Photos machen zu müssen!

 

IMG_8645_HD

Hinter Tarbert haben wir die Wahl, die schnellere A83 im Westen oder die untergeordnete B842 im Osten von Kinyre zu folgen. Wir wollen erst einmal bis an die Südspitze und entschließen uns daher, erst der schnelleren und vermeintlich weniger sehenswerte A83 zu folgen – werden von unserer Wahl aber nicht enttäuscht! Die Straße folgt dabei in mehr oder weniger Abstand direkt der Küste, die Landschaft ist sanft gewellt. Es geht mal über kleine Wellen und durch weite Kurven immer in der Nähe des Meeres entlang. Dabei kommen wir zügig voran und haben doch einen schönen Blick auf die Landschaft, die mich so ein wenig an die Bretagne erinnert.

Das Asphaltband – locker durch die Landschaft gelegt – kommt in mir ein Gefühl von Urlaub auf. Ich fahre flott, hetzte mich aber nicht und genieße das Gefühl in der Sonne einfach hier entland zu fahren. Was für ein großartiges Gefühl, genau das tun zu können. Die Straße ist dabei keine fahrerische Herausforderung, aber genau das führt zu einem angenehmen Fluss der uns nach Süden zieht. Bis wir vor Campbeltown an einen Strandabschnitt kommen, an dem weit  ein Friedhof direkt am Meer liegt. Also wieder ein Friedhof – aber was für einer! Eine Mauer umringt das Grabfeld zu dem ein steinernes Portal den Zutritt erlaubt. Dahinter brechen sich die Wellen der irischen See während zwischen den Grabsteinen die Schafe grasen. Was für ein Bild! Leider gibt die direkte Sonne wieder nicht viel her.

Ein Stück weiter finden wir einen Strand, der mit großen Felsbrocken gespickt ist. Der Wind lässt feinen Sand um die Steine wehen, so dass die Szenerie mich an die 80er-Jahre errinnert. Eine komische Assoziation? Vielleicht, aber damals waren in aller Regelmäßigkeit in Zeitschriften Anzeigen zu finden, in denen die Automobilhersteller mit Bildern aus den Windkanälen prahlten, in denen man sah wie die Luft die Fahrzeuge umströmt. So etwas sieht man heute nicht mehr – es ist einfach kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern Alltag der Fahrzeugentwicklung. Hier auf Kintyre werden die felsigen Steine umströmt – und dabei sind sie  nicht besonders aerodynamisch.  Das stört die Steine nicht – macht der feine Sand sie nicht irgendwann glatter und aerodynamischer wie in Trégastel in der Bretagne, dann bleiben sie halt so wie sie sind und die letzten 1000 Jahre vielleicht auch schon waren. Ein schönes Sinnbild, das uns einstimmt, dass wir langsam in eine der letzten Wildnisse in Mitteleuropa eindringen.IMG_8683_HD

Unser Fluss in der Fortbewegung ist unterbrochen und das wäre er so wie so spätestens in Campbeltown. Wir sehen eine Tankstelle und stellen fest, dass wir für deutsche Verhältnisse verblüffend lange keine gesehen haben. Und in absehbarer Zeit werden wir auch eine brauchen. Als ängstliche Leute fassen wir also Diesel und kaufen für den Abend noch etwas zu Essen ein. Für all das scheint Campbeltown der einzige Punkt weit und breit und die Tankstelle an diesem Sonntag der Mittelpunkt des gesamten Ortes zu sein. Es ist nichts los und es gibt auch ansonsten nichts, dass uns berichtenswert wäre. Campbelltown ist ein verschlafenes Nest und dabei nicht einmal besonders sehenswert. Es scheint als sähe man dem Ort das geringe Einkommensniveau direkt an.

Früher muss Campbeltown einmal anders gewesens ein: Hier soll es zu Blütezeiten einmal 30 Whisky-Distillen gegeben haben – die Stadt nannte sich selbst die Welthaptstadt des Whisky! Einige Wiskykenner sahen Campbeltown sogar als eine eigene Wiskyregion an. Davon ist heute nicht viel übrig geblieben: Zeitweise war die Whiskyproduktion fast zum erliegen gekommen. Seit der Wiedereröffnung der Glengyle Distillery im Jahr 2004 durch die Inhaber der Nachbarlichen Springbank Distillery gibt es nun zusammen mit Glen Scotia inzwischen wieder drei arbeitende Distillen!

Frisch betankt machen sind wir bereit für neue Abenteuer in Richtung Mull of Kintyre – dabei bezieht sich dies jetzt auf den Clio und den Diesel – und nicht etwa auf uns und den Whisky!

Auf der Karte hatte ich gesehen, dass es Straßen bis dorthin geben soll – und ich hatte im Internet gelesen, dass man sie auch wirklich befahren kann. War die Fahrt bisher flott und flüssig, so bewegen wir uns nun auf immer kleineren Wegen bis hinab zur untersten Kategorie. Ab

 

IMG_8686_HD

 

von Mull of Kintyre

IMG_8698_HD

Kilchurn Castle

Highland-Rinder

Aber zunächst geht es erst einmal wieder nach Oban hinein. In Oban steht ein kleiner Leuchtturm, der als Quermarkenfeuer dient. Nichts besonderes und am Ende der Seafront gelegen wollte ich doch zumindest ein Photo. Mal sehen, ob man nicht doch was draus machen kann. Um es vorweg zu nehmen: Man kann nicht, oder zumindest ich nicht. Es wird wieder eines dieser Photos, die ich mache, einfach um ein Photo davon gemacht zu haben. Das sind dann meistens Photos ohne weiteren Wert – und eigentlich eine der Sachen, die ich mir unbedingt abgewöhnen wollte.

 

MULL OF KINTYRE,
OH, MIST ROLLING IN FROM THE SEA.
MY DESIRE IS ALWAYS TO BE HERE,
OH, MULL OF KINTYRE.

FAR HAVE I TRAVELLED AND MUCH HAVE I SEEN,
DARK DISTANT MOUNTAINS WITH VALLEYS OF GREEN.
PAST PAINTED DESERTS, THE SUNSET’S ON FIRE
AS HE CARRIES ME HOME TO THE MULL OF KINTYRE.

MULL OF KINTYRE,
OH, MIST ROLLING IN FROM THE SEA.
MY DESIRE IS ALWAYS TO BE HERE,
OH, MULL OF KINTYRE.

SWEEP THROUGH THE HEATHER LIKE DEER IN THE GLEN,
CARRY ME BACK TO THE DAYS I KNEW THEN.
NIGHTS WHEN WE SANG LIKE A HEAVENLY CHOIR
OF THE LIFE AND THE TIMES OF THE MULL OF KINTYRE.

MULL OF KINTYRE,
OH, MIST ROLLING IN FROM THE SEA.
MY DESIRE IS ALWAYS TO BE HERE,
OH, MULL OF KINTYRE.

SMILES IN THE SUNSHINE AND TEARS IN THE RAIN,
STILL TAKES ME BACK WHERE MY MEM’RIES REMAIN.
FLICKERING EMBERS GROW HIGHER AND HIGHER
AS THEY CARRY ME BACK TO THE MULL OF KINTYRE.

MULL OF KINTYRE,
OH, MIST ROLLING IN FROM THE SEA.
MY DESIRE IS ALWAYS TO BE HERE,
OH, MULL OF KINTYRE.

Paul McCartney, 1970

Kintyre würde ich jederzeit noch einmal besuchen und mir vielleicht auch gern zwei, drei oder vier Tage Zeit lassen, die Halbinsel weiter zu entdecken und die schmaleren Straßen an den anderen Küstenabschnitten entlang zu fahren. Wir haben heute tolle Dinge gesehen, aber alles in allem doch ziemlich lange in der vierrädrigen Blechschachtel gesessen.

 

IMG_8467_HD IMG_8483_HD IMG_8501_HD IMG_8522_HD  IMG_8536_HD IMG_8588_HD   IMG_8614_HD    IMG_8656_HD IMG_8665_HD   IMG_8688_HD   IMG_8735_HD  IMG_8801_HD

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

© 2020 L8-WorX

Thema von Anders Norén