Schottland 2013 – 7. Tag – Skye nach Ullapool

Wir erwachen nach einer ruhigen und erholsamen Nacht in unserem Zelt. Der Talisker gestern Abend hat seine Wirkung gut getan und mich zufrieden schlafen lassen. Die A87 läuft direkt am Campingplatz vorbei um die Bucht – aber das stört mich nicht. Hier gibt es einfach kaum Verkehr. Die Ruhe hier ist himmlisch.

Als ich den Reißverschluss des Seiteneingangs vom Zelt öffne, habe ich noch das Abendlicht auf der Bergkette der Cuillins vor meinen Augen. Was ich nun sehen, ist allerdings in der frischen Morgenluft und dem Gedanken an den Whisky von gestern abends sehr viel ernüchternder: Natürlich sind die Cuillins noch da. Allerdings sind sie oben abgeschnitten. Es ist als säßen wir in einem zu groß geratenen Zimmer: Die grünen Hänge sind jetzt als graugrüne Wände noch da und wir alle sitzen unter einer niedrigen, angegrauten Decke. Skye, die Wolkeninsel. Das ist wirklich nicht zu viel versprochen.

Wir stehen auf und gehen in das Haus. Das kleine Bruchsteinhäuschen erscheint als das letzte Aufbäumen der Infrastruktur vor der Wildnis: Hier, und nur hier gibt es Strom, Licht und Wasser. Toiletten und Duschen. Nachdem ich erst aufgrund ihrer jahrzehntealten und rudimentären Machart zweifle, stelle ich zufrieden fest, dass der weiche, schwache Strahl der aus der Leitung quillt auch noch angenehm warm ist. Mehr braucht an diesem Ort wirklich kein Mensch. Das ist Camping, so wie ich es mag.

Auf dem Rückweg von der Dusche laufe ich dem Platzwart mit seiner Umhängetasche über den Weg und bezahle für die Nacht. Heute soll es weiter gehen und fest steht: Hier lohnt sich unser Frühstück nicht. Wir setzten auf die Macht des schottischen Wetters und seine stete Unstetigkeit. Wenn es immerhin kein Regen gibt, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir wo anders etwas Besseres erwischen noch bevor wir zum Mittag verhungert sind. Also packen wir schnell das Zelt zusammen und verlassen den Campingplatz in Richtung Süden.

Wollen wir wirklich schon diesen Ort verlassen? In den letzten paar Stunden ist mir die Landschaft hier auf Skye wirklich ans Herz gewachsen. Es gibt noch so viel hier, was einen Besuch wert wäre: Im Norden der Insel auf Trotternish gäbe es den Quiraing genauso zu umwandern wie den Old Man of Storr. Den Kilt Rock habe ich genausowenig gesehen wie das Innere von Dunvegan Castle. Ich könnte Abende lang am Neist Point sitzen und die Lichtstimmungen abwarten. Dazu gibt es um Skye noch eine Hand voll kleinere und weniger bekannte Leuchttürme, die wir dieses mal ausgelassen haben, wie zum Beispiel Rona Lighthouse und Ornsay Lighthouse.

Skye könnte mich bestimmt eine ganze Woche beschäftigen, ohne das mir langweilig würde. Durch die Fährverbindung von Skye auf die Äußeren Hebriden wäre die Insel ein toller Ausgangspunkt für eine ganze neue Reise im Westen. Die wenigen Stunden auf Skye haben die Insel in meinem Herzen verankert. Ich nehme mir fest vor, hierhin noch einmal in Ruhe zurückzukehren und setzte alle diese Punkte auf meine Liste im Kopf. Und dann drehe dann doch den Zündschlüssel um um biege nach Süden auf die A87 ein. Fahre nicht über Talisker – ziehe nicht noch eine Flasche Whisky ein.

Die Brücke trägt uns ohne Wartezeit wieder zurück nach Kyle of Lochalsh, aber dort halten wir wieder an. Es muss hier irgendwo einen Leuchtturm geben. Er ist sogar in unserer Straßenkarte eingetragen. Nur ist er nirgends zu sehen! Durch eine kleine, unscheinbare Gartentür schlüpfe ich durch einen Zaun und eine Hecke. Und nach ein paar Metern ist auch klar, warum der Leuchtturm von der Straße nicht zu finden ist: Er steht fast genau unter der Brücke und gibt damit ein eigenwilliges Motiv ab.

Der Leuchtturm von Kyleakin selbst steht auf der kleinen Insel Eilean Bàn, die auch einen Pfeiler der Skye Bridge trägt. In diesem Bereich besteht viel Privatgrund – und so schaffe ich es nicht, dem Turm näher zu kommen oder eine ansprechende Position für ein Bild zu finden. Dabei ist er ein prächtiges Beisiel für die Turmbaukunst der Stevenson-Familie und in die klassischen Farben schottischer Leuchttürme gehüllt: Weiß mit ockergelben Akzenten.

Schade, dass er nicht mehr in Funktion ist, mit dem Bau der Brücke Anfang der 90er-Jahre wurde er außer Dienst gestellt und ist heute nur noch ein Baudenkmal.

In Kyle nutzen wir die Gelegenheit, den Tank zu füllen und ein paar Nahrungsmittel einzukaufen. Denn ab jetzt geht es wirklich auf Schleichpfaden in den wenig besiedelten Norden. Wir verlassen Kyle nach Norden über die C1232 – eine vierstellige Strasse! Je mehr Stellen die Straßen in Schottland haben, desto schmaler sind sie. Diese Strasse sollte genau nach meinem Geschmack sein. Verwundert bin ich dann aber doch, dass auf dieser Straße zwei Autos ganz bequem aneinander vorbei passen. Eine Straße vierter Kategorie hatte ich mir anders vorgestellt. Aber ich sollte im Verlauf des Tages schon noch in den Genuss kommen! Ich werde versuchen, genau solchen Wegen bis in den hohen Norden zu folgen – und die großen, breiten Straßen so gut es geht meiden. Manchmal muss man dafür in Schottland Umwege in kauf nehmen, denn meistens gibt es keine große Auswahl an Straßen, die in die gewünschte Richtung führen. Im Ruhrgebiet sind wir da verwöhnt. Hier ist man froh, wenn es eine Straße gibt. Dafür ist sie es aber landschaftlich wert, dass man sie fährt. Das sieht dann wieder im Ruhrgebiet anders aus!

Über Duirinish geht es nach Plockton. Und Plockton ist wirklich ein Idyll, wie ich es mir erhofft habe: Wir erleben es als stilles, und veschlafenes Örtchen – dabei ist es mit der Eisenbahn mit eigneem bahnhof und sogar per Flugzeug zu erreichen! Allerdings nur, wenn man über ein kleines Flugzeug verfügt, dass mit nicht einmal 600 m Start-und Landebahn auskommt! Dann kann man am Plockton Airfield seine Landegebühr einfach in die Sparbüchse werfen. Denn dort ist niemand, dem man es geben könnte!

Die Waterfront von Plockton besteht aus alten, weiß getünschten Häusern, in denen sicher früher einmal Fischer wohnten und den Schutz der Bucht zu schätzen wussten. Fährt man den Weg zwischen Häusern und Meer entlang, so hat man besser kein großes Auto uns erst recht keinen LKW dabei. Es ist eng und letztlich muss man den gleichen Weg wieder zurück – Plockton liegt auf einem Landfortsatz und die Straße ist eine Sackgasse.

Es ist nicht lange her, dass wir Skye bei grauem Wetter verlassen haben, und wir sind nur eine Hand voll Meilen gefahren: Aber her in Plockton strahlen nun die weißen Häuser mit dem blauen Himmel um die Wette. Es ist der Platz, den ich gesucht haben und so suche ich unserem Auto einen Plätzchen, an dem es niemanden Stört, packe den Rucksack und wir suchen uns ein schönes Plätzchen mit Sicht auf die Bucht für unser Frühstück! Es ist gerade Ebbe und so können wir über den Meeresboden bis auf die kleine Felsinsel hinüber laufen, wo wir es uns eine Weile damit beschäftigen, Frühstücks-Sandwiches zu bauen, und diese in erstklassigem Setting wieder zu verdrücken. Dabei wandert mein Blick aber immer wieder zu dem rostigen Anker mit den schweren Kettengliedern. Er liegt auf dem trocken gefallenen Hafengrund und ist mein Indikator aufzubrechen, bevor der Rückweg zum Auto eine Wathose oder eine Badehose benötigt.

Mein Tieden-Timer im Hafen von Plockton: Wir wollen zurück am Auto sein, bevor die Kettenglieder nass werden.

Mein Tieden-Timer im Hafen von Plockton: Wir wollen zurück am Auto sein, bevor die Kettenglieder nass werden.

Respekt vor der Flut haben ich schon anschaulich 2007 in Cornwall und spätestens in der Bretagne gelernt, als uns innerhalb von einer Viertelstunde fast der Rückweg unterhalb der Klippen vom auflaufenden Wasser abgeschnitten wurde!

Bootsrennen

viele kleine Straßen mit wilden Seerosen und Schafen.

In Wollpullover und einer abgewetzten Wachsjacke gekleidet und mit einem Hund im alten Landrover durch Schottlands Landschaft rollen – um dann um fünf  Uhr stehenzubleiben, wo immer ich bin. Mit dem Becher und dem heißen Tee in der Hand dann den Blick über die weite Landschaft streifen zu lassen. Ich könnte mit diesem Gedanken leben. Die ikonenhafte Britishness hat einen Reiz, dem ich mich nur schwer entziehen kann.

 

 

 

 

 

 


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