Schottland 2013 – 1. Tag – Mit der Fähre nach Hull

Schottland – jetzt also. Endlich, könnte man sagen. Schottland steht schon seit einem gefühlten halben Leben auf meiner Liste im Kopf für Reisen, die ich einmal machen möchte. Zumindest seit etwa meinem 16. Lebensjahr. Und das ist nun wirklich inzwischen schon mehr als mein halbes Leben lang.

Mich treibt die Lust auf eine weite und raue Landschaft. Uns erwartet eine der letzten wilden und wenig berührten Landschaften die man im westlichen Europa erreichen kann. Dazu ist die ganze Küste gespickt mit schönen Leuchttürmen an rauen Küsten. Für einen Photographen ein lohnenswertes Fleckchen Erde also.

Die Photo-Ausrüstung ist gepackt und liegt mit all den anderen Dingen im Kofferraum unseres Reiseautos. Das Beladen am Vorabend ging schnell: Unsere Ausrüstungsgegenstände für Campingurlaub lagern in Klappkisten, die Photoausrüstung ist frisch gewartet und passt in einen Fotorucksack.

Inzwischen haben wir eine gewisse Routine beim Packen und so brauchen wir  nicht länger als etwa zwei Stunden um alles für einen rund zweiwöchigen Urlaub im erweiterten Kofferraum meines Renault Clio zu verstauen. Und das alles unterhalb der Fensterlinie, so dass man für die Fahrt eine prima Sicht nach hinten hat.

Schottland ist ein großes Gebiet. Beim Blick auf die Karte lässt man sich da schnell täuschen: Entfernungen wirken oft kürzer als sie sind. Der Grund ist, dass wir zu sehr an unsere mitteleuropäischen Verhältnisse gewöhnt sind. Hier ist es von einem zum nächsten Ort nie weiter als ein paar Kilometer. Und die Straßen sind meist recht zielgerichtet. Das ist in Schottland oft anders. Ich habe die Tour nicht im Detail geplant – aber so etwas wie einen Rahmenplan, was ich sehen wollte. Und mein Gefühl sagte mir: Unter 3500 km kommen wir auf keinen Fall hin – und das trotz Fährüberfahrt über die Nordsee.

Mein kleiner Clio Diesel war dazu kurz vorher noch einmal zur Wartung. Frisches Öl, neue Sommerreifen, ein neues Radlager und die Werkstatt hatte noch in einer Bremstrommel an der Hinterachse einen abgelösten Bremsbelag gefunden. Der Meister rief mich an und meinte er hätte eine schlechte Nachricht – aber im Endeffekt war es doch eine Gute: Schon zwei mal hatte mich der Clio in den letzten 10 Jahren mit einem verklemmten Hinterrad stehen gelassen. Und wer möchte schon in der nördlichen, schottischen Einöde – so schön sie für das Photo-Auge auch sein mag – mit einem verklemmten Hinterrad stehen bleiben? Da die Bremsen das einzige Problem war, was meinen Clio jemals zum Pannenfall hat werden lassen, seht der Clio arbeitsam und vertrauenswürdig vor uns. „Machen sie sich keine Sorgen, der macht jetzt keine Probleme mehr“ gab uns der Werkstattmeister beim Verlassen seiner Werkstatt mit auf den Weg. Und eigentlich gab es auch keinen Grund daran zu zweifeln.

Wir hatten uns für die Fähre von Rotterdam nach Kingston upon Hull entschieden. Der Grund war einfach und schlicht das bessere Angebot. Wir hatten früh gebucht und die von der Autostrecke bessere Alternative von Ijmuiden nach Newcastle wäre wesentlich teurer geworden. Die Strecke über Calais-Dover wäre noch einmal über hin und zurück zusammen noch einmal rund 1000 km weiter!

Ich lege keinen Wert auf lange Autobahnetappen in England. Ich akzeptiere sie aber, wenn sie die günstigere Alternative sind. Autobahnen sind mautfrei und bei erlaubten 112 km/h ist man dort sehr sparsam unterwegs. Außer, dass man links fährt, rechts überholt und nicht schnell fahren darf, sind sie fahrerisch in etwa genauso langweilig wie in Deutschland. Lange Spuren aus – im Vergleich zu Deutschland – sehr grobem Asphalt zum Kilometer fressen. Praktisch – aber nicht schön.

Wer die günstigste Alternative für einen Schottland-Urlaub benötigt, der fährt am besten möglichst lang über Land und möglichst kurz über Wasser – also Überfahrt Calais-Dover oder den Tunnel. Für die Fährüberfahrt kommt man – wenn man gut bucht – schon für rund 40 Euro pro Tour nach England! Mit Auto und so vielen Leuten wie ins Gefährt passen. Dann fährt man aber einen ganzen Tag lang nur Autobahn und muss auch noch um die M25 nördlich um London herum – auch nicht immer ein Spaß.

Wir haben für die Hin- und Rückfahrt inklusive Transport unseres Vehikels und Übernachtung in einer Zweierkabine etwa 200 Euro pro Fahrt bezahlt. Das geht für mich in Ordnung. Dafür spare ich für An- und Abreise etwa fünf Stunden Autofahrt, 30 Euro Diesel und eine Nacht auf dem Campingplatz.

Unsere Fähre fährt am Abend ab Rotterdam. Das sind gute 300 km für uns. Um möglichst viel Zeit für Schottland zu haben, verfahren wir wie bereits mehrmals erprobt: Mit dem voll gepackten Mobil fahre ich früh morgens zur Arbeit. Inklusive Photoausrüstung stelle ich das Vehikel dort ab und gehe meiner Arbeit nach. Ja, für denjenigen Kriminellen der weiß, wann ich in den Urlaub fahre und wo ich arbeite könnte das ein einträgliches Geschäft sein dort einmal vorbei zu schauen!

Gegen Mittag beende ich also meine Arbeit und es geht jetzt wirklich los! Strahlender Sonnenschein, die Klimaanlage ist an – auf in den Urlaub. Abenteuer Schottland. Wahrscheinlich kein wirkliches Abenteuer – aber es geht nichts über diesen intensiven Moment, in dem man direkt nach der Arbeit den ersten Gang einlegt und seinen Fuß auf das Gaspedal stellt um fernen Ländern und neuen Eindrücken entgegen zu fahren!

Proviant für die Fahrt bis Rotterdam ist an Bord – ich kann also bis zum Fähranleger durchfahren! Das beruhigt mich etwas, erhöht es doch meine Chancen, falls mich etwas auf dem Weg aufhalten könnte.

Der restliche Weg läuft über die A2, A3 und in den Niederlanden dann die A12, A20, A16 und die A15. Fast alles alte Bekannte – und halt Autobahnen: Zu langweilig um etwas darüber zu schreiben. Nur vielleicht, dass man aufpassen sollte, vor Rotterdam die südliche Autobahn zu bekommen. Der Europoort ist eine Stadt für sich – fast 50 km lang fährt man durch Hafenanlagen und Industrie. Die A20 führt nördlich am Hafen entlang und die A15 südlich. Überall steht der Hafen ausgeschildert! Verpasst man die richtige Route hat man bei der A4 noch die Möglichkeit die Seite des Lek zu wechseln. Wer spät dran ist hat hier die perfekte Möglichkeit durch schlechte Navigation seine Fähre zu verpassen! Und dann passiert schnell, was man tunlichst vermeiden sollte: In den Niederlanden zu schnell zu fahren! Da härt der Spaß bei den Niederländern auf – geblitzt wird ab wenigen km/h zu schnell, die Strafen sind drastisch und wer nicht sofort vor Ort zahlt, dem wird das Auto gepfändet. Glücklicherweise ist mir das noch nie passiert, aber ich stelle es mir nicht witzig vor, wenn man eigentlich die Fähre erreichen möchte um nach Schottland zu fahren. Immerhin habe ich schon Leuten gehört , die mitten in der Nacht mit Bargeld nach Holland gefahren sind, um Freunden die Weiterfahrt zu ermöglichen.

Wir sind aber früh genug am Kai – aber bevor es auf die Fähre geht, möchte ich noch einmal tanken. In England und Schottland ist Diesel wesentlich teurer – wir nehmen noch mal gut 20 Liter mit. Dann sind wir mit vollem Tank für die ersten 1000 km gerüstet. Ohne Kanister – dafür mag ich mein Auto sehr!

Nun sollte man eigentlich denken, dass der Sprit hier im Hafen von Rotterdam der billigste weit und breit ist. Mit drei Großraffinerien in Sichtweite hat mein Clio noch nie so frischen Diesel bekommen! Aber das Gegenteil ist der Fall – an der Autobahn hätten wir nicht teurer getankt. Das verstehe wer will!

Das Auto kommt nicht in den Rumpf des Schiffes, sondern auf ein Deck im Aufbau. Die Clio ist mit fertig abgeklebten Scheinwerfern sicher in einer gemütlichen Ecke verstaut.

Das Auto kommt nicht in den Rumpf des Schiffes, sondern auf ein Deck im Aufbau. Die Clio ist mit fertig abgeklebten Scheinwerfern sicher in einer gemütlichen Ecke verstaut.

Letztlich ist es aber immer noch billiger, als in Schottland. Der Tank ist voll und wir machen uns auf den Weg zum Anleger. Dort reihen wir uns hinten in die Schlange der wartenden Fahrzeuge ein. Die „Pride of Rotterdam“ steht schon lange bereit und das Einchecken läuft ohne Probleme und recht schnell. Interessant finde ich vor allem, dass man mit dem Auto seitlich in das Schiff fährt – das kenne ich so noch nicht. Es ist das erste mal, dass ich mit einer Nachtfähre fahren, wenn man von der Tour mit der Color Line nach Oslo absieht. Aber da musste meinr Auto in Kiel bleiben. Die Color Fantasy übernahm seinerzeit den Titel der weltweit größten RoRo-Fähre von der „Pride of Rotterdam“ und dem Schwesterschiff „Pride of Hull“. Aber die Schiffe der Color Line sind vom Ambiente her doch schon eher ein Kreuzfahrtschiff als eine klassische Fähre! Da kann Rotterdam stolz sein, wie es will: Dieses Schiff kann da nicht mithalten. Obgleich nur ein paar Jahre älter, wenig kleiner und fast genauso lang und breit – der Charme der „Pride of Rotterdam“ ist eher der eines pragmatischen Schwimmkastens um über die Nordsee zu kommen.

An Bord werfen wir unser kleines Übernachtungsgepäck in die Kabine und gehen auf Entdeckungstour durch das Schiff. Ein wichtiger Tipp für alle Erstfahrer: Das Gepäck für die Nacht an Bord separat packen und dann oben auf den Rest im Auto legen: Sonst hat man das Vergnügen in der Enge und Hektik des Schiffsbauches seinen ganzen Wageninhalt umzusortieren!

Für heute hat die Autofahrt ein Ende und mit rund 300 km war das ein lockerer Einstieg in den Urlaub. Was heißt hier Urlaub? Immerhin schaffen wir es so, dass uns kein Urlaubstag in Schottland verloren geht. Aus dem Ruhrgebiet kommt man ganz bequem zur Fährüberfahrt, wenn man noch bis zum Mittag arbeitet!

Es ist noch nicht viel los auf dem Schiff und wir haben uns schnell einen Überblick verschafft. Das Wetter ist mau und so verziehen wir uns erst einmal in die Kabine. Das Schiff ist als pragmatische Reiselösung konzipiert und so haben wir auch gebucht: Eine Zweibettkabine der unteren Kategorie. Dafür bekommen wir zwei Klappbetten übereinander und genug Platz neben dem Bett, um stehen zu können. Zumindest für den Fall, dass der andere im Bett liegt oder sitzt – denn aneinander passt man dann nicht mehr vorbei. Das ganze liegt schön mittig im Schiffsinneren im Achterbereich. Das ist zumindest weit genug von den Maschinen weg und im Fall von Seegang ist eine Kabine mittschiffs eher von Vorteil: So kippelt man nur hin und her anstatt dass es ständig auf und ab geht! Dazu gibt es eine in raumfüllendes Plastik gefasste Nasszelle, Leselampen, eine Steckdose und eine abschließbare Tür. Fenster gibt es keine – dafür Luft aus einem Rohr. Mehr ist es nicht – aber seien wir ehrlich: Mehr braucht man eigentlich auch nicht. So verpassen wir in der Tat das Ablegemanöver in unserer Kabine und bemerken das erst, als der Lautsprecher die Sicherheits-Liturgie quäkt.

 

Abendlicht hin und her: Die Hafenanlagen von Rotterdam - so richtig "schön" sind sie nicht wirklich.

Abendlicht hin und her: Die Hafenanlagen von Rotterdam – so richtig „schön“ sind sie nicht wirklich.

Also raus aus der Kabine und an die frische Luft. Und passend zur Abreise klart der Himmel etwas auf und wirf ein bezauberndes Abendlicht auf die beeindruckenden – aber selbst wenig bezaubernden – Bauten entlang des Rotterdamer Hafens. Der Hafen ist ein Moloch. Über fast 40 km ziehen sich die Hafenanlagen entlang des Lek und der Maas. Dabei erwirtschaftet der Hafen allein etwa 7 % des gesamten Bruttoinlandsproduktes der Niederlande! Das sind gewaltige Ausmaße. Auf dem Weg zum Terminal sind wir eine halbe Stunde lang nur an Hafenanlagen vorbei gefahren, Der Hafen ist so gigantisch groß, dass Hamburg dagegen recht übersichtlich wirkt. Aber hübsch ist er halt nicht. Mein Blick überstreift gleich mehrere Leuchttürme. Aber selbst die sind modern und nicht hübsch – ein einziges, klassisches Exemplar ist weit hinten auszumachen.

Vom großen Schiff aus nach unten aufgenommene Schlepper sehen immer irgendwie aus wie aus dem Miniatur-Wunderland in Hamburg.

Vom großen Schiff aus nach unten aufgenommene Schlepper sehen immer irgendwie aus wie aus dem Miniatur-Wunderland in Hamburg.

Photos sind an diesem, ersten Tag kein Thema. Ich habe gerade eine Hand voll gemacht, alle von eher dokumentarischem Wert. Aber das ist nicht schlimm – denn zum einen ist es noch gar kein ganzer Reisetag, zum anderen ist nur wichtig, dass ich unterwegs bin. Es geht ja gerade erst los – und ich freue mich drauf!

Bei ruhiger See und wenig Wind fahren wir also hinaus auf den Ärmelkanal in Richtung Schottland – wo dann die Sonne im Meer versinkt. Das fängt ja eigentlich ganz gut an!

Auf nach Schottland!

Auf nach Schottland!

 

 

 

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